Robert Spaemann

Aus Kathpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Prof. Dr. Robert Spaemann (2010)

Prof. Dr. Robert Spaemann (* 5. Mai 1927 in Berlin) ist ein deutscher katholischer Philosoph.

Spaemann schreibt zeitkritische Beiträge zu ethischen, politischen und religiösen Fragen für überregionale Zeitungen. Seine Positionen, insbesondere zur Ökologie und zur Bioethik, werden über die Grenzen verschiedener Weltanschauungen und Parteien hinaus beachtet. Wegen seines Engagements für die Bewahrung der Schöpfung bezeichnete ihn die Berliner Tageszeitung als Ökophilosophen. [1]


Inhaltsverzeichnis

Biografie

Robert Spaemann wurde als Sohn des später zum Priester geweihten Heinrich Spaemann und seiner Frau Ruth Krämer geboren. Er studierte Philosophie, Geschichte, Theologie und Romanistik an den Universitäten Münster, München, Fribourg und Paris. Er promovierte 1952 in Münster, war vier Jahre Lektor im Kohlhammer Verlag, danach Assistent bei Joachim Ritter in Münster. Er habilitierte sich 1962 dort in Philosophie und Pädagogik mit einer Arbeit über François Fénelon. Spaemann war bis 1968 ordentlicher Professor für Philosophie an den Universitäten Stuttgart, bis 1972 in Heidelberg und München, wo er 1992 emeritiert wurde. Seit 2010 lehrt Robert Spaemann am Hausstudium der Abtei Mariawald.

Spaemann ist verwitwet und Vater zweier Kinder.

Denken

Glaube

Für Spaemann bildet die Vernünftigkeit des Glaubens an Gott den Mittelpunkt seiner Philosophie. Er erläutert die traditionellen philosophischen Gottesbeweise und weist darauf hin, dass diese Gottesbeweise auch im 20. Jahrhundert noch philosophische Bewunderer gefunden haben.

Der Gottesglaube hat für Spaemann Bestand. Er nennt ihn deshalb das „unsterbliche Gerücht“. Universalistische Religionen wie das Christentum könnten auf Mission nicht verzichten. Sie müssten ihre Standpunkte in den allgemeinen Diskurs einbringen. Er ist davon überzeugt, dass zwischen verschiedenen religiösen Standpunkten eine fruchtbare Auseinandersetzung möglich ist.[2] Für Spaemann ist die Spur Gottes in der Welt der Mensch, der nach seinem Ebenbild geschaffen wurde.

In einem 1996 veröffentlichten Aufsatz[3] kritisierte Spaemann das "Projekt Weltethos" des Tübinger Theologen Hans Küng scharf.

Papst Benedikt XVI. schätzt ihn als Berater und lud ihn im September 2006 nach Castel Gandolfo ein, um über das Verhältnis von Naturwissenschaft, Philosophie und Glauben zu referieren. [1]

Schutz des menschlichen Lebens

In seinen Reden und Veröffentlichungen setzt sich Spaemann für den Schutz des menschlichen Lebens von seinem Beginn bis zum natürlichen Tod ein. Er kritisierte deshalb Vorschläge zur – wenigstens teilweisen – Freigabe der Tötung auf Verlangen und zu einer „Liberalisierung“ der Sterbehilfe.[4] Er begründet dies mit einem Verständnis von Person und Menschenwürde, das jegliche Relativierung des Rechts auf Leben mit Zeitpunkten, Fristen und anderen Bedingungen zurückweist. Gemeinsam mit dem früheren Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde formulierte er folgenden Grundsatz: „Wenn es überhaupt so etwas wie Rechte der Person geben soll, kann es sie nur geben unter der Voraussetzung, dass niemand befugt ist, darüber zu urteilen, wer Subjekt solcher Rechte ist.“ Die Menschenwürde kommt der Person nicht unter der Voraussetzung bestimmter Eigenschaften (z. B. des Selbstbewusstseins), sondern allein aufgrund ihrer biologischen Zugehörigkeit zur Spezies Mensch zu. Er weist nach, dass für die Aufklärung eben diese These, dass „Menschen vor ihrer Geburt Personenrechte“ haben, selbstverständlich gewesen ist. Es ist als Spaemanns Verdienst anzusehen, „die Debatte um Abtreibung und Euthanasie auf diese grundsätzliche Ebene gehoben zu haben“.[5]

Auf Einladung der Bundestagsfraktion der Grünen referierte er zur Debatte um die Stammzellenforschung. [1]

Naturrecht

Spaemann gilt als Vertreter einer aristotelisch geprägten Naturphilosophie. In seinen Beiträgen zur Rechtsphilosophie betont er die „Aktualität des Naturrechts“. In dem Streit um das Naturrecht erkennt er kein Argument gegen, sondern eines für dieses Recht. Denn „gäbe es kein von Natur Rechtes, so ließe sich über Fragen der Gerechtigkeit gar nicht sinnvoll streiten“. Die Existenz dieses Rechts bedeute nicht, dass es für jedermann offensichtlich ist, sondern „dass in der Richtung, die dieser Name bezeichnet, sinnvollerweise etwas zu suchen sei“. Das Naturrecht lasse sich nicht mehr als ein Normenkatalog beziehungsweise eine Art Metaverfassung verstehen. Eher sei es eine Denkweise, die „alle rechtlichen Handlungslegitimationen noch einmal kritisch“ prüfe.[6]

Erziehung

Fragen der Erziehung stehen nach Spaemanns Auffassung „am Anfang aller Ethik“.[7] In den 70er Jahren nahm er Stellung zu den Ideen einer „emanzipatorischen Erziehung“. Sinnvoll sei die Idee der Emanzipation dort, „wo Menschen hinsichtlich der Organisation der Rahmenbedingungen ihres Handelns von fremder Vormundschaft befreit werden“. Dieser Begriff von Emanzipation bezeichne „einen Vorgang, der jedes Mal einen Anfang und ein Ende“ habe, das als Mündigkeit bezeichnet werde. Die Idee der „emanzipatorischen“ Erziehung, die er Emanzipationsideologie nennt, meinte dagegen „einen unendlichen und zudem als universal gedachten Prozess“ als Erziehungsideal. Er diene dazu, den Kreis derjenigen zu erweitern, die „als unmündig erklärt werden“ und legitimiere eine „massive Herrschaftsideologie der Pädagogen“. Die Emanzipationsideologie verwehre dem Kind das Recht auf Möglichkeiten zur Identifikation und Persönlichkeitsentfaltung.[8] Er gehörte 1978 zu den Veranstaltern des Kongresses „Mut zur Erziehung“, der sich gegen emanzipatorische Bildungsexperimente mit Kindern richtete.[9] Aufgabe der Erzieher ist es Spaemann zufolge, das Kind „an die eigenständige und widerständige Wirklichkeit heranzuführen“. Das Kind müsse zunächst aus „seiner subjektiven Empfindungswelt behutsam und zielstrebig an die Realität“ geführt werden. Entscheidend sei, dass „die Wirklichkeit zunächst als hilfreich und freundlich erfahren“ werde. Die Stiftung dieser Grunderfahrung – die Psychologie spricht vom Urvertrauen – sei das Wichtigste, „was Erziehung überhaupt zu leisten vermag“. Denn wer sich an seine Kindheit als eine „heile Welt“ erinnern könne, werde „leichter mit der unheilen fertig“.[10]

Andere Themen

Über Homosexualität allgemein sagte er in einem Interview: "Unter meinen guten Freunden sind mehrere Homosexuelle. Mit denen bin ich darin einig, dass die Abwesenheit der Anziehungskraft des anderen Geschlechts ein anthropologisches Manko ist."


Ehrungen, Auszeichnungen, Mitglied

  • Ehrendoktorate von Universitäten in Fribourg, Washington, Santiago de Chile und der Opus Dei-Universität Navarra in Pamplona.
  • 2001 "Karl-Jaspers-Preis" der Stadt und der Universität Heidelberg.
  • Mitglied Inst. intern. de philos. polt. Paris

Werke

Hauptwerke:

  • Glück und Wohlwollen : Versuch über Ethik, Klett-Cotta Verlag Stuttgart 1989 (254 S; 978-3-608-94247-7).
  • Personen: Versuch über den Unterschied von "etwas" und "jemand", Klett-Cotta Stuttgart 1996 (275 S.; ISBN 3-608-91813-2).

Monographien

  • Schritte über uns hinaus. Gesammelte Reden und Aufsätze 2. Klett-Cotta, Stuttgart, 2011, ISBN: 978-3-608-94249-1
  • Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter. Klett-Cotta, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-608-94754-0
  • Schritte über uns hinaus. Gesammelte Reden und Aufsätze 1. Klett-Cotta, Stuttgart, 2. Aufl. 2010, ISBN: 978-3-608-94248-4
  • Rousseau – Mensch oder Bürger. Das Dilemma der Moderne. Klett-Cotta, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-608-94245-3
  • Der letzte Gottesbeweis Pattloch Verlag 2007, ISBN 978-3-629-02178-6
  • Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und der Aberglaube der Moderne. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-94452-4
  • Natürliche Ziele. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-94121-5
  • Grenzen. Zur ethischen Dimension des Handelns. Klett-Cotta, Stuttgart 2001, ISBN 3-608-91027-1
  • Der Ursprung der Soziologie aus dem Geist der Restauration. Studien über Louise-Gabriel de Bonald. Kösel, München 1959; 2. A. Klett-Cotta, Stuttgart 1998, ISBN 3-608-91921-X
  • Töten oder sterben lassen? Worum es in der Euthanasiedebatte geht. (mit Thomas Fuchs). Herder Verlag 1997
  • Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas“ und „jemand“. Klett-Cotta, Stuttgart 1996, ISBN 3-608-91813-2
  • Zur kirchlichen Erbsündenlehre. Stellungnahmen zu einer brennenden Frage (mit Albert Görres, Christoph Schönborn). (Sammlung Kriterien 87), Johannes Verlag Einsiedeln Freiburg 1994, ISBN 3-89411-303-0
  • Reflexion und Spontanität. Studien über Fénelon. Kohlhammer, Stuttgart 1963; 2. A. Klett-Cotta, Stuttgart 1990, ISBN 3-608-91334-3
  • Glück und Wohlwollen. Versuch über Ethik. Klett-Cotta, Stuttgart 1989, ISBN 3-608-91556-7
  • Das Natürliche und Vernünftige. Aufsätze zur Anthropologie. Piper Verlag (Serie Piper 702), München 1987, 3-492-10702-8
  • Philosophische Essays. Reclam (UB 7961), Stuttgart 1983; 2. erw. A. ebd. 1994, ISBN 3-15-007961-6
  • Moralische Grundbegriffe. Beck Verlag (Beck’sche Reihe 256), München 1982, ISBN 3-406-45442-9
  • Rousseau – Bürger ohne Vaterland. Von der Polis zur Natur. Piper Verlag, München 1980, ISBN 3-492-10579-3
  • Einsprüche. Christliche Reden. Johannes Verlag Einsiedeln Freiburg 1977, ISBN 3-265-10195-9
  • Die Frage Wozu? Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens (mit Reinhard Löw). Piper (Serie Piper 748), München 1981
  • Zur Kritik der politischen Utopie. Zehn Kapitel politischer Philosophie. Klett-Cotta, Stuttgart 1977, ISBN 3-12-910110-1

Mitarbeitende Veröffentlichungen

Herausgeber von:

  • Evolutionismus und Christentum (mit Reinhard Löw, Peter Koslowski). VCH (Civitas Resultate 9), Weinheim 1986, ISBN 3-527-17573-3
  • Ethik-Lesebuch. Von Platon bis heute. Piper (Serie Piper 764), München 1987, ISBN 3-492-10764-8
  • Neuausgabe als: Ethik Lehr- und Lesebuch. Texte – Fragen – Antworten (mit Walter Schweidler). Klett-Cotta, Stuttgart 2006, ISBN 3-608-94445-1

Beiträge

  • Hermann Lübbe (Hrsg.): Wozu Philosophie? Stellungnahmen eines Arbeitskreises. De Gruyter, Berlin 1978, ISBN 3-11-007513-X
  • Peter Thomas Geach, Fernando Inciarte, Robert Spaemann: Persönliche Verantwortung. Adamas, Köln 1982, ISBN 3-920007-78-6
  • Robert Spaemann, Wolfgang Welsch, Walther Christoph Zimmerli: Zweckmässigkeit und menschliches Glück. Fränkischer Tag, Bamberg 1994, ISBN 3-928648-12-8
  • Oswald Georg Bauer (Red.): Was heißt „wirklich“? Unsere Erkenntnis zwischen Wahrnehmung und Wissenschaft. Oreos, Waakirchen-Schaftlach 2000, ISBN 3-923657-54-4
  • Walter Schweidler (Hrsg.): Menschenleben – Menschenwürde. Interdisziplinäres Symposium zur Bioethik. Lit, Münster 2003, ISBN 3-8258-6808-7
  • Georg Muschalek (Hrsg.): Der Widerstand gegen die Alte Messe. Van Seth, Denkendorf 2007, ISBN 978-3-927057-16-6
  • Die schlechte Lehre vom guten Zweck. Der korrumpierende Kalkül hinter der Schein-Debatte. In: FAZ vom 23. Oktober 1999, Bilder und Zeiten I.

Zitate

  • "Wahrheit in einem nicht trivialen Sinn beruht immer auf einem "Sich-Verlassen" auf etwas, auf jemanden oder auf sich selbst." - Personen. Stuttgart: Klett-Cotta 1996, S. 157
  • "Einsicht in Wahrheit aber gibt es nur in Freiheit. Verhalten kann und muss gelegentlich erzwungen werden. Wahrheitseinsicht und Glauben können nicht erzwungen werden. Die Wahrheit spricht mit leiser Stimme." - "Wahrheit spricht mit leiser Stimme." Artikel im Kölner Stadtanzeiger, ksta.de, 12. Juni 2008
  • "Jeder Mensch ist selbst der Beweis, dass es eine absolute, nicht relativierbare Wahrheit tatsächlich gibt - diese lautet: Ich bin." - Die Birke e.V., 19. Mai 2003
  • "Der fundamentale Akt der Freiheit ist der des Verzichtes auf Unterjochung eines Unterjochbaren, der Akt des »Seinlassens«." - Handbuch philosophischer Grundbegriffe; Hg. von Hermann Krings, Hans Baumgartner und Christoph Wild; München: Kösel, 1973, S. 968, ISBN 3-466-40055-4
  • "Antike Ethik ist Kunstlehre des Lebens." - Glück und Wohlwollen. Stuttgart: Klett-Cotta 1989, S. 9
  • "Eine Verantwortung vor sich selbst kann es im eigentlichen Sinn nicht geben, weil man sich selbst in diesem Fall immer dispensieren kann." - Personen. Stuttgart: Klett-Cotta 1996, S. 176
  • "Nietzsche hat als erster gesehen, daß die Aufklärung ihre eigene metaphysische Basis, den Glauben an die Göttlichkeit der Wahrheit, tendenziell zerstört." Einsprüche, 1977, S. 11
  • Gewissen ist der Ruf zur Aufmerksamkeit. Gut kann nur ein Wille heißen, der sich vom Gewissen nötigen läßt, die ganze Wirklichkeit seiner Handlung ins Auge zu fassen; der sich selbst nicht betrügt, indem er sich auf seine sogenannte gute Absicht zurückzieht." Moralische Grundbegriffe, 1980, S.86f.
  • "Die Spur Gottes in der Welt, von der wir heute ausgehen müssen, ist der Mensch, sind wir selbst." Der letzte Gottesbeweis (2007) Pattloch S.29

Weblinks

Anmerkungen

  1. 1,0 1,1 1,2 Konrad Adam: Robert Spaemann: ein konsequent unabhängiger Denker. In: Die Welt vom 30. Mai 2001
  2. (vgl.: Thomas Groß: Der Gott der Denker. Philosophie: Robert Spaemann liefert einen neuen Beweis für die Existenz des Schöpfers, in: Rheinischer Merkur, vom 3. Mai 2007, S. 17).
  3. Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken, Heft 9/10, S. 891-904
  4. Robert Spaemann: Sterbehilfe ist nur ein anderes Wort für Töten. In: Stuttgarter Zeitung vom 26. Oktober 2005
  5. Vgl.: Henning Ritter: Zeitgenössisch. Philosoph der Person: Robert Spaemann zum Achtzigsten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Mai 2007, S. 39).
  6. Vgl.: Adolf Laufs: Laudatio auf Robert Spaemann, Rede in der alten Aula der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg anlässlich der Verleihung des Karl Jaspers-Preises am 28. November 2001. (online)
  7. Vgl.: Robert Spaemann: Erziehung oder Lustprinzip und Realitätsprinzip. in Ders.: Moralische Grundbegriffe. München 1982, Siebte Auflage 2004, S. 34.
  8. Vgl: Robert Spaemann: Emanzipation – ein Bildungsziel, in: Ders.: Zur Kritik der politischen Utopie. Stuttgart 1977, S. 143-154.
  9. Vgl.: Die Linke, die Rechte, das Richtige (Gespräch mit Robert Spaemann). In: Claus Leggewie: Der Geist steht rechts. Ausflüge in die Denkfabriken der Wende. Berlin 1987, S. 160-161.
  10. Vgl.: Robert Spaemann: Erziehung oder Lustprinzip und Realitätsprinzip. In Ders.: Moralische Grundbegriffe. München 1982, Siebte Auflage 2004, S. 34-35.
Meine Werkzeuge